Bitter...

Ich lag total erschöpft in meinem Lieblingssessel.
Seit Tagen schon liess ich das „Requiem“ von Mozart durch die Wohnung dröhnen.
Der Entschluss war gefasst. Er hatte alle meine Kräfte gekostet.
Aber jetzt war es mir absolut klar:
Er musste sterben! Und Freitag war ein guter Tag dafür.

Es war noch nicht einmal so, dass ich meinen Mann hasste für das, was er getan hatte.
Aber meine rosarote Brille, durch die ich ihn jahrelang sah, war zerbrochen, und ein intimer Blick ohne Liebe ist grausam und kann wahrhaftig tödlich sein.

Und seit ich von diesen Geschichten wusste, beobachtete ich ihn, wie man ein etwas ekliges Insekt beobachtet.

Heute morgen im Bad zum Beispiel. Als Max versuchte, mit der spitzen Nagelschere die Haare, die sich aus seinen Nasenlöchern kräuselten, abzuschneiden und sich dabei die Spitze der Schere in die Nasenwand bohrte. Das Blut tropfte über seine Hände, auf seinen nackten, von grauem Fell bedeckten Oberkörper und ins Waschbecken. Er stand da wie hypnotisiert. Schliesslich flüsterte er mit vorwurfsvoller Stimme: „Jetzt tu doch endlich etwas!“
Ich gab ihm blutstillende Watte und sagte ihm betont trocken, dass ich heute abend zu meiner Freundin fahren und auch über das Wochenende dort bleiben würde. „Ich warte aber noch, bis du zuhause bist“, setzte ich hinzu.
Das gehörte zu meinem Plan.

Er sah mich mit einem geistesabwesendem Blick an und nickte nur.

Wie immer zog er sich sehr sorgfältig an, kämmte liebevoll sein Resthaar und warf noch einen wohlwollenden Blick auf sein Spiegelbild.

Seine Unterhose hatte er, obwohl der Wäschekorb direkt daneben steht, achtlos in die Badewanne geworfen
Fasziniert sah ich zu, wie eine dicke schwarze Fliege, die anscheinend im Duschvorhang gedöst hatte, im Sturzflug herunter kam und mit einer taumeligen Schleife auf dem Wäschestück landete. Gründlich inspizierte sie die gelben Tröpfelspuren auf der Vorderseite bis ich sie mit einer lahmen Handbewegung verscheuchte.
„Also, bis heute abend“, sagte mein Mann betont munter und ging beschwingten Schrittes davon.



Die ganze Sache wäre ja nicht aufgeflogen, wenn nicht gerade Ferienzeit gewesen und an diesem Dienstagmorgen mein Fax ausgestiegen wäre.
Da ich dringend einen Artikel an die Redaktion schicken musste, blieb mir nur eins – schnell ins Büro von Max zu gehen, um von dort das Fax abzuschicken.
Was ich dann allerdings in dem Faxgerät entdeckte, riss den scheinbar sicheren Boden unter meinen Füssen weg.

„Hallöchen, mein Prachtstück“, stand da auf dem Zettel, den das Fax ausgespuckt hatte.
„Die ganzen Ferien machen mir ohne dich keinen richtigen Spass.
Deine stürmische Nähe fehlt mir sehr. Komm doch auch nach Stockholm! Es wird dich absolut nichts kosten. Ich freue mich darauf, dich so richtig verwöhnen zu können. Bussi, bussi Mit sehnsüchtigen Grüssen Rosi“

Meine Knie wurden weich, ich musste mich setzen.
Ich lies meinen Kopf auf die Schreibtischplatte sinken und hatte dabei das Gefühl, dass ich jetzt gleich sterben würde.
Das klappte aber einfach nicht.
Stattdessen entdeckte ich unter meinen verheulten Augen eine Ansichtskarte von Florenz.
Ahnungsvoll drehte ich sie um.
Auf der Rückseite verriet eine gewisse Martha , dass sie ihn als Liebhaber sehr vermisse und ihm auch die Reise bezahlen würde, wenn er nächstes Mal wieder mitginge. Ohne ihn wäre es einfach fad. Sie wäre dann auch sehr grosszügig, wie er ja bereits wisse. Tausend Küsschen Martha
Aha, „wieder“ mitginge...
Mir wurde schlecht.
Noch nie in meinem Leben hatte ich mich so gedemütigt gefühlt.

Plötzlich bekamen einige Vorfälle der letzten Zeit ihren Sinn.
Ich wusste nun, warum mich gewisse Damen vom Tennisclub mit einem herablassenden Lächeln und leicht verächtlichem Gesichtsausdruck begrüssten, wenn sie mich auf irgendeiner Vernissage trafen, von der ich für das „Tagblatt“ berichten musste.
Das eifrige Getuschel und das plötzliche Schweigen, wenn ich zu ihnen trat.
Das Wort „Witwentröster“, das ich bei einer dieser Gelegenheiten aufschnappte, bekam auf einmal eine tiefere Bedeutung für mich.
Das war also er – mein Mann!
Ich werde diesen arroganten Weibern immer wieder begegnen und sie werden sich immer wieder über mich lustig machen. Ich kann ihnen in diesem Kaff und in meiner Funktion als Journalistin nicht ausweichen.
Das kann und will ich nicht ertragen, und es gibt nur eine einzige Möglichkeit, dieser für mich grausamen Situation ein Ende zu bereiten.
Ich werde ihn umbringen.
Und ich wusste auch schon wie.

Wie gesagt, ich hasste ihn nicht.
Wir hatten eine wundervolle Liebesgeschichte miteinander gehabt. Er war wirklich ein einfühlsamer Lover und ein guter Tänzer dazu.
Als wir uns kennen lernten, war es beim Tanzen. Mit ihm zu „When a man loves a woman“ zu tanzen, war Erotik pur.

Er hatte einen sanften Tod verdient.

Es wurde Abend und bald würde er nachhause kommen.
Mein Herz klopfte, ich zitterte am ganzen Körper.
Meine eiskalten Hände flatterten. Ich konnte sie einfach nicht unter Kontrolle bringen.
Dabei war doch alles genau geplant.
Es konnte überhaupt nichts schief gehen.

Die Tabletten hatte ich in einer halbvollen Flasche Cola aufgelöst.
Er liebte Cola und er trank es immer direkt aus der Flasche und so
würde er den bitteren Geschmack nicht so schnell spüren. Ich hatte auch noch etwas Süssstoff hinzugefügt und bei meinem anschliessenden Geschmackstest schmeckte das Gesöff nicht viel scheusslicher, als sonst auch.
Ich war zufrieden.

Genau mit dem Ende des Requiems hörte ich, wie Max sein Auto in die Garage fuhr. Dann klappte das Garagentor zu und pfeifend kam er zum Haus herüber.
Er pfiff es viel zu hoch und so falsch, wie das wahrscheinlich nur mein Max konnte.
Aber ich erkannte es sofort.
Es war „When a man loves a woman“. Es war „unser Lied“!

Mein Herz machte ein paar wilde extra Schläge. Eine Welle sentimentaler Gefühle überschwemmte mein Herz, mein Verstand war lahmgelegt.
Ich konnte es nicht tun.
Nicht jetzt, wo er dieses Lied pfiff.
Vielleicht würde doch alles wieder gut werden.

Langsam stand ich auf und ging in die Küche. Langsam schraubte ich den Verschluss der halbvollen Colaflasche ab und zögernd hielt ich sie übers Waschbecken, um sie auszuschütten.

In diesem Moment stand Max schon neben mir.

„Spinnst du eigentlich, das Cola wegzuschütten. Die Flasche ist ja noch halbvoll.“

Damit riss er mir die Flasche aus der Hand und mit einem unbeschreiblich seltsamen Gefühl sah ich ihm zu, wie er die Flasche an seinen Mund setzte und sie leer trank.

„Bä“, sagte er, „ist das bitter!“

„Ja“, sagte ich sanft, „das ist es wirklich.“